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Abort-Report
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23.
November 2024 / Rubrik Verkehr
Eigenbericht.
Der Bau des Großbommelner "Palais Pipi" fand
seinen erfreulichen Abschluß.
Monatelang war es
Reisenden im Zuge der Erweiterung des Bahnhofs Großbommeln verwehrt,
gesittet ihre Notdurft zu verrichten. Denn es hatte sich erwiesen, daß
das alte Abortgebäude dem Neubau des Empfangsgebäudes würde
weichen müssen. Allerdings beschloß der Vorstand der Stedelebener
Kreisbahn (SKB), dem allgemeinen Bedürfnis ein würdiges Örtchen
zu widmen.
Dasselbe ist nunmehr
feierlich seiner Bestimmung übergeben worden, nachdem dieser Tage
noch die Dachrinnen und Fallrohre installiert, Türen und Fenster
gestrichen sowie die Drückergarnituren angebracht worden sind.
Sorgsam wählte
das Festkomitee man die ersten Benutzer aus. Dem dienstältesten Beamten
der SKB fiel die Ehre zu, dem jungfräulichen Herren-Abort seinen
Segen zu erteilen: Ottokar Nickel zeigte sich nach seiner Erleichterung
begeistert von den gefliesten Wänden, der geräumigen Sitzkabine
und den modernen technischen Installationen. "Kein Vergleich zu dem
früheren Donnerbalken!", ließ er sich gutgelaunt vernehmen.
Gespannt erwarteten
danach die Honoratioren das Wiederauftauchen des angeblich schönsten
Gesichts der SKB aus dem Damenbereich. Als Fräulein Monalisa Meier,
Fahrkartenverkäuferin in Großbommeln, nach zehn Minuten endlich
erschien, lobte sie schüchtern lächelnd das Handwaschbecken
im Vorraum, über dem sogar ein Spiegel hänge, vor dem sich Kleidung
und Frisur richten ließen. Sie sei nicht umhin gekommen, diese Möglichkeit
sogleich ausgiebig zu nutzen.
Allgemeinen Beifall
fand auch der Querflügel. Noch ist kein Dienstmann angestellt, der
dort seinen Aufenthalt während der Betriebsstunden haben wird. Es
blieb somit der betagten Aufwartefrau Anneliese Schmächtig vorbehalten,
dem Kreisboten einen Blick in ihren Wirkungsbereich zu gewähren.
Schrubber und Eimer müsse sie dank der Wasserleitung nun nicht mehr
weit schleppen, und daß der Dienstmann das Gebäude im Winter
heizen werde, täte ihrem Rheuma gewiß wohl. In Anerkennung
ihrer jahrzehntelangen treuen Dienste habe ihr die SKB sogar erlaubt,
zum Bahnsteig hin ein Beet anzulegen. "Doch das erst im Frühling.
Vielleicht ein paar Rosen."
Mit solch rosigen
Aussichten konnte der Reporter die Feierlichkeit in heiterer Stimmung
verlassen und empfiehlt dem Publikum hiermit einen gelegentlichen Besuch
im "Palais Pipi" von Großbommeln.
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